Vorurteilsfrei?!
Kenia 2025
Bin ich das oder vielleicht doch nicht? Trage ich immer noch Vorurteile in mir, die mir unbewusst durch die Gesellschaft mitgegeben worden sind, obwohl ich schon so lange hier wohne?
Warum geht es…
Kürzlich waren wir am Strand. Ich beschloss endlich, nach vier Wochen das erste Mal ins Meer zu gehen. Mein Partner entschied sich dafür, draußen in der Strandbar zu warten und gemütlich den Nachmittag ausklingen zu lassen. Also ging ich alleine ins lauwarme Meer, tja, Erfrischung im Meer ist hier eindeutig nicht der Fall.
Ich dümpelte vor mich hin, denn auch richtiges Schwimmen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Rund um mich herum waren andere „Dümpler“, hauptsächlich Kenianer und vereinzelt ein Muzungu mit seiner Partnerin, doch alle etwas entfernt von mir.
Ich war in Gedanken versunken und genoss die Ruhe um mich, als ich plötzlich von rechts eine Stimme hörte, die sich mir näherte. Es war ein junger Mann in seinem Schwimmreifen, überall am Strand kann man große Schwimmreifen mieten, und fragte mich, ob ich schwimmen kann und keine Angst hätte. Ich erwiderte mit Ja, ich kann schwimmen und nein, ich habe keine Angst. Er meinte dann, ob ich ihm Schwimmen beibringen könnte und ob er zu mir herüberkommen darf, um mit mir gemeinsam zu schwimmen. Ich erklärte ihm, was er tun sollte und sagte, dass ich eigentlich sehr gerne nun alleine schwimmen möchte.
Fünf Minuten später kam ein lebensfroher junger Mann ins Wasser getrabt, auch auf großen Abstand. Er schrie, „Hello!“, in meine Richtung und ich erwiderte es. Dann folgte ein fünfmaliger Austausch, wie es mir geht, und irgendwann musste ich erwidern, ob bei ihm alles in Ordnung sei, denn ich habe schon fünf Mal gesagt, mir geht es gut. Die nächste Antwort war dann, ja danke und ich solle doch zu ihm kommen, denn er will mit mir zusammen sein. Höflich dankend lehnte ich ab und bekam dann zurück, „Ich möchte dein Mann sein!“. Ich erklärte ihm dann, dass mein Mann draußen wartet und keine Freude mit seinem Benehmen hätte. Er glaubte mir nicht ganz, und in dem Augenblick sah ich, wie mein Partner zum Meer spazierte. Ich ging raus und „mein selbst ernannter neuer Freund“ war nirgends mehr aufzufinden.
Mit diesen Begegnungen komme ich mittlerweile sehr gut klar und sehe es ganz locker, doch dann hatte ich eine Begegnung am nächsten Tag an der gleichen Stelle am Strand, die mich viel mehr aus dem Konzept brachte und ich tatsächlich ins Grübeln und Überlegen kam.
Ich stand am Ansatz zum Wasser und genoss die Dämmerungsstimmung. Wieder komplett in meinen Gedanken vertieft, merkte ich, wie eine junge Kenianerin in meine Richtung kam. Sie kam mir ziemlich nahe und meine erste Reaktion war, dass ich mein Handy nahm und in meine Rocktasche auf die andere Seite gab. Ich erschrak von meiner Reaktion, denn wir fuhren schon durch Gebiete, wo mein Fenster offen war und ich es besser schließen sollte, und plötzlich hatte ich hier am Strand Angst, dass mir eine junge Frau mein Handy wegreist?
Die junge Frau kam mir immer näher und wenn ich einen Schritt nach hinten machte, tat sie das auch. Nach gefühlt einer Ewigkeit fragte sie mich aus dem Nichts heraus, ob sie ein Bild mit mir machen könnte. Wir machten ein Foto miteinander und dann sprachen wir für gute 10 Minuten. Die junge Frau wusste einfach nicht, wie sie mich am besten ansprach. Wir hatten einen optimalen und netten Austausch, und irgendwann verabschiedete ich mich, da es dunkel wurde.
Ich war absolut perplex von meinen Gedanken und mir, denn hätte mich ein Mann so angesprochen, wäre es für mich etwas, das ich schon gewohnt bin und machte mir keinerlei Gedanken mehr darüber, doch kaum ist es eine junge Frau, komme ich ins Schwitzen und unterstelle ihr Dinge, die man halt so hört, sobald einer sagt, ich fahre jetzt nach Afrika.